Die Winterpause ist vorbei und trotz Corona Lockdown sind die Handwerker sehr fleißig. Ich habe gleich die Gelegenheit ergriffen schöne Bilder von der weniger schönen Baustelle zu machen. Und wie froh bin ich, dass die Handwerkerbetriebe nicht auch schließen müssen! Bei all dem Gemecker und Gemotze, welches man mittlerweile an den Tag legt, weil doch einfach jeder so ein bisschen Corona-müde geworden ist, muss man doch auch mal kurz inne halten und ein bisschen Dankbarkeit zeigen. Sich darauf besinnen, was man schätzt und darüber nachdenken was man alles hat. Die letzten Tage war es bei mir soweit, dass ich einfach nur noch von allem genervt war. Unsere Wohnung war scheinbar erneut geschrumpft, das Wetter mal wieder total ätzend und auf der Baustelle geht es mir sowieso nie schnell genug voran. Ich wollte darüber berichten, was ich alles definitiv nicht vermissen werde an der Wohnung. Einfach mal den Frust rauslassen: Die permanent rauchenden Nachbarn, die winzige Garderobe, von welcher ständig alle nassen Jacken herunterfallen und die tägliche Routine das Schlafsofa ein- und auszuklappen, weil wir nur eine Zweizimmerwohnung haben und die Kinder im Schlaf-/Spiel-/Kinderzimmer schlafen.

Doch dann dachte ich mir, das wäre zu einfach. Einfach nur motzen kann doch jeder und das bringt auch niemandem was. Man braucht nur die Nachrichten zu lesen und ist schon deprimiert von all dem Schlechten auf der Welt. Warum dann nicht mal aktiv was dagegen tun? Die Nachrichten werde ich wohl nicht so leicht ändern können. Ich kann sie lediglich ignorieren. Aber ich kann versuchen aufzuzählen, was mir an der Wohnung fehlen wird. Mal in mich gehen und für die letzten Jahre dankbar sein, da wir hier eine schöne Zeit verbringen durften. Denn ein großes, neues, schönes Haus ist gut. Jeder würde sich darüber freuen. Aber was ist mit der kleinen, alten Wohnung mit nur drei Fenstern? Wenn ich ganz ehrlich bin und mich daran erinnere, wie wir den Mietvertrag vor über acht Jahren unterschrieben haben. Es war ein heißer, sonniger Augusttag und mein Mann, damals noch mein Freund, und ich waren so froh, so eine tolle, schöne Wohnung gefunden zu haben. Wir haben uns wirklich glücklich geschätzt. Sie war nahe der Uni, nahe der Stadt und zugleich direkt an Wald und Weinbergen. Perfekt für lange Spaziergänge. Und was ist in den acht Jahren passiert, dass ich jetzt nur noch genervt bin? Bin ich etwa so undankbar geworden? Nein, das denke ich nicht. Ich habe jetzt mehr Verpflichtungen und weniger Zeit und ich habe vergessen Danke zu sagen. Und das möchte ich jetzt nachholen.

Aber wie bin ich überhaupt auf dieses Thema gekommen? Mir ist aufgefallen, dass wir scheinbar aus allen Nähten platzen. Ich renne gefühlt den ganzen Tag gebückt durch die Wohnung und versuche all den Kram aufzuheben und dorthin zu legen, wo er hingehört. Kram, wie unzählige Kuscheltiere, Autos, Klötze, Bücher, Elektronikgegenstände oder Sachen, die mittlerweile ausgedient haben und welche die Kinder zum Spielen an sich gerissen haben. Alles fährt durch die Gegend und lacht über mich. Obwohl alles einen festen Platz hat haben sollte. Und obwohl ich seit der Bewerbung auf unser Grundstück schon drei Mal versucht habe auszumisten, ist es trotzdem wieder so viel. So viel von allem und am Ende des Tages trägt man immer nur die gleiche Kleidung und spielt immer nur mit den gleichen Spielsachen. Da frage ich mich, brauchen wir das alles wirklich? Und vor allem, packen wir das alles wieder ein, bringen es ins neue Haus, packen es dort in irgendeine Ecke und ärgern uns dann wie gewohnt darüber, dass es nur im Weg ist? Oder ist es besser, sich jetzt zu überlegen ob wir es noch brauchen, uns für die gemeinsame Zeit bedanken und es dann liebevoll weggeben? Und hier kommt schon der springende Punkt. Für was bin ich denn dankbar in unserer Wohnung? Ich habe mich angestrengt und überlegt.

Ganz schnell ist mir eingefallen, dass ich für den Balkon dankbar bin. Etwa 6qm ausgerichtet nach Westen und umgeben von Hauswänden. Durch diesen Aufbau konnte ich schon ganz früh im Jahr die Sonne genießen, weil kaum Wind reinkommt. Und all meine Experimente mit Tomaten, Gurken und Salat in Blumenkästen. Viel Ernte kam nie dabei raus und gut geschmeckt hat es auch nicht besonders. Hier hat einfach die Sonne gefehlt. Aber wieviel Spaß ich doch dabei hatte, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen. Und wie ich jeden Abend gepokert habe, ob die Pflanzen noch etwas Gießwasser vertragen oder ob es mit der nächsten Kanne dann nach unten zu der Nachbarin läuft. Meistens ist das Wasser dann nach unten gelaufen und ich habe dann nur noch gehofft, dass das niemand mitbekommt. 😀 Den Balkon werde ich vermissen.

Etwas selbstsüchtig, aber ich werde den geringen Aufwand vermissen, die Wohnung sauber zu machen. So klein und schnuckelig sie ist, so schnell ist sie auch aufgeräumt. Wenn das Haus von der Fußbodenfläche etwa 6 Mal so groß ist, dauert es dann auch 6 Mal so lange zu putzen?! Außerdem habe ich hier schon eine perfekte Routine entwickelt. Jeden Abend die Küche, die Wäsche irgendwie so nebenbei (mittlerweile fast täglich), die Oberflächen immer freigehalten, jeden Tag gestaubsaugt und einmal in der Woche dann der schnelle Grundputz. Sobald sich das Umzugschaos gelegt haben wird, werde ich bestimmt ganz schnell anfangen zu motzen wieviel Arbeit wegen dem Haushalt an mir hängen bleibt. 😀

Als nächstes bin ich dafür dankbar, dass mein Mann und ich uns fast jeden Abend gemeinsam mit Essen auf die Couch setzen und uns nach dem lauten und hektischen Tag von einer netten Serie berieseln lassen. Wenn die Kinder schlafen, ist es irgendwie zu unserem Ritual geworden. Es ist der Zeitpunkt, ab welchem wir für den Tag dann auch Feierabend haben dürfen. Unser Tisch ist doch sowieso viel zu klein. Aber Moment Mal! War ich nicht diejenige, die auf einen protzigen Eichetisch mit 2,4m Länge bestanden hat? Meine eigene Schuld, denn man ist doch quasi dazu verpflichtet, jegliche Mahlzeit am Tisch einzunehmen wenn man so einen tollen Tisch hat. Da gibt es keine Ausrede mehr. Auch wenn es unbequemer als auf dem Sofa ist. Was habe ich nur getan?! Ich werde die Couch bestimmt vermissen.

Und wenn wir schon beim Essen sind, kommen wir doch gleich zu unserem Ofen. Ich bin kein großer Fan von ihm. Wenn die Pommes gestern Mittag nach einer halber Stunde immer noch latschig waren, werden die Muffins heute Abend schon nach 20 Minuten verbrannt sein. Wenn das Essen nicht klappte, wie ich es haben wollte, konnte ich es immer recht geschickt auf unseren Ofen schieben: „Oh man! Es tut mir jetzt echt leid, aber unser Ofen… Der macht nie das, was er soll…“ Und wieder bin ich diejenige, die sich die Ausreden selbst gestohlen hat. Im Haus haben wir dann nicht nur einen tollen Ofen, sondern gleich zwei. Da ist nichts mit „Sorry, Leute“ wenn ich die Muffins im Ofen einfach vergessen habe.

Was ich auf jeden Fall auch vermissen werde und wofür ich aus tiefstem Herzen dankbar bin, sind unsere Nachbarn! Nicht einmal haben sie sich über unsere Feiern und später über das Geschrei der Kinder in der Nacht (bis heute noch!) beschwert. Im Gegenteil, so meinte die nette Dame unter uns, dass sie froh darüber ist, dass Leben im Haus herrscht. Und es war auch immer jemand da, der unsere unzähligen Pakete angenommen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob der gestresste Paketbote sich immer die Mühe machen wird, über die Straße zu rennen um unser Paket abzugeben. Ich glaube, ich lade unsere Nachbarn nach dem Umzug auf ein Tässchen Kaffee oder ein Gläschen Wein ein um Danke für sagen.

Sobald der Estrich im Haus gegossen ist, werde ich anfangen zu packen. Und dann packe ich meinen Krempel und nehme nicht nur Sachen mit. Ich nehme auch all die Erinnerungen mit, die in den letzten Acht Jahren hier entstanden sind. Und alle Erfahrungen, die wir hier gemacht und alle schönen Momente, die wir hier erlebt haben. Wir haben hier studiert, gefeiert, uns vermählt und Nachwuchs bekommen. Unsere Kinder haben, bis auf ein paar Urlaube, nirgendwo anders gewohnt! Und vielleicht sind wir vier jetzt irgendwie auch so wie wir sind, weil wir genau hier gelebt haben. Und wie ihr seht, sind es nicht Gegenstände, für welche ich dankbar bin. Es sind Gewohnheiten, die ich im neuen Haus vermissen werde. Wahrscheinlich werde ich dann nicht mehr viel an unsere kleine Wohnung denken, aber ich hoffe, dass sie in gute Hände kommt. Dass hier jemand einzieht, der sich nicht daran stört, dass das Badezimmer kein Fenster hat. Sondern jemand, der die Sonne morgens im Schlafzimmer und nachmittags im Wohnzimmer genießen wird. Und abends mit einem Gläschen Wein den Sonnenuntergang bei Vögelgezwitscher genießt und einfach nur DANKE sagt.

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