Weil ich der Meinung bin, dass es unserer Gesellschaft zu gut geht.

Heute werde ich einen sehr persönlichen Blogbeitrag verfassen. Ich möchte euch ein bisschen mehr über mich erzählen, denn schließlich geht es in diesem Blog nicht um irgendein Haus, sondern um mein Haus. Und wie ich dazu gekommen bin.

Es ist ein Thema, das mir schon länger im Kopf herumschwirrt. Wahrscheinlich halten mich die anderen Bauherren für ein bisschen irre. Aber es ist etwas, womit ich mittlerweile leben kann.

Nun, ich steige regelmäßig aufs Dach, weil es nur provisorisch abgedeckt ist. Die Dachdecker sind leider immer noch nicht dazu gekommen, es richtig dicht zu machen. Die letzen Wochen waren vor allem nass und kalt und für wenige Tage erreichte auch uns der Winter. Es war nicht lange und recht ungewöhnlich für die Region, aber dieses Jahr war sogar Schlitten fahren möglich. Sowas gab es schon sehr lange nicht mehr hier.

Die Feuchte ging durch das Mauerwerk und Tropfen hingen von der Decke in den Wohnräumen. Die nackten Betondecken färbten sich dunkel und konnten nicht bearbeitet werden. Da wir aber die Malerleistung aus dem Angebot der Baufirma herausgenommen haben, liegt die Bearbeitung dieser in unserer Verantwortung. Um die Zeit bis zum Estrich möglichst effizient zu nutzen, wollten wir die Deckenfugen spachteln und die Decken insgesamt schon soweit vorbereiten, dass wir nach der Trocknung des Estrichs direkt mit dem Malervlies an den Decken beginnen können. Somit habe ich das stehende Wasser auf dem Dach fast täglich gekehrt, damit es abfließen konnte. Mit dem trockenen Wetter ist es mir auch gelungen, die Decken soweit durchzutrocknen, dass sie nun in den nächsten Tagen verspachtelt werden können.

Und mit jedem Mal, das ich da oben war, fragte ich mich, ob es noch andere Verrückte wie mich gibt? Ich fragte mich jedes Mal, ob mich gerade jemand beobachtet und sich dabei denkt, dass kein anderer Mensch so etwas scheinbar unnötiges macht. Schließlich würde das Dach früher oder später von alleine trocknen. Und das ist der springende Punkt. Für mich war das Fegen vom stehenden Wasser absolut notwendig. Denn die Decken mussten schließlich absolut schnell trocknen, damit wir absolut bald spachteln konnten. Ich konnte das Haus nicht einfach nass stehen lassen. Es hat mich nicht in Ruhe gelassen, denn das Haus ist ein so unglaublich großer Meilenstein in meinem Leben und nicht einfach nur ein Haus. Es ist etwas, was ich mir als kleines Mädchen zur Lebensaufgabe gemacht habe:

Einen perfekten Mann finden, eine Familie gründen, ein Haus bauen und den einen oder hunderte Bäume pflanzen.

Ich komme nicht aus einer reichen Familie und fast nichts wurde mir geschenkt. Ich hatte genau eine Barbie und genau einen Kuschelaffen. Dann haben sich meine Eltern mit ganz großem Krach scheiden lassen.

Mit neun Jahren kam ich nach Deutschland und gab seit dem jeden Tag mein Bestes. Mir wurde versprochen, dass hier das Leben besser wird, wenn ich mich nur genug anstrengen würde. Meine Familie würde man als sogenannte „Russlanddeutsche“ bezeichnen, wobei ich diesen Ausdruck nicht sonderlich mag. Ich versuche ihn einfach zu vermeiden. Diese Bezeichnung fühlt sich einfach nicht richtig an. Denn in Kasachstan war ich keine „Russin“ und hier in Deutschland hat man mir die Zugehörigkeit als „Deutsche“ nicht immer wohlwollend zugestanden. Ich fragte mich deshalb oft, was ich denn dann sei? Warum muss ich überhaupt ein Etikett haben?

Aber ich lernte die deutsche Sprache, hatte deutsche Freunde, war zwischenzeitlich die einzige nicht gebürtige Deutsche in der Klasse, kämpfte mich durch das Abitur. Alle meine Deutschlehrer waren der Meinung, meine Ausdrucksweise sei nicht sei irgendwas. So genau habe ich es bis heute nicht verstanden, was sie zu beanstanden hatten. Es stand immer nur das Wort „Ausdruck“ in Rot am Rande meines Aufsatzes geschrieben. Bestimmt Hundert Mal. Und hier sitze ich nun und schreibe weiter meine Aufsätze. Pech gehabt. 😀

Ich begann ein Studium, welches ich ziemlich schnell zu meiner vorläufigen Schande abgebrochen hatte. Mit angekratztem Stolz wagte ich mich an eine Ausbildung in der Bank, welche mich aber zur Depression geführt hat. Ich hatte da überhaupt nicht dazu gepasst. Und ohne Banker persönlich beurteilen zu wollen, aber mein schlechtes Gewissen war einfach viel zu groß. Ich verstand nicht, warum ich einer Omi eine Lebensversicherung oder einem Ehepaar mit einer Hypothek noch ein weiteres Darlehen andrehen sollte. Ich quälte mich zwei Jahre da durch um zumindest einen Abschluss zu bekommen. Nach dem abgebrochenen Studium konnte ich mir einen weiteren Fehltritt nicht leisten. Schließlich wurde mir seit jeher beigebracht, dass meine Leistung das Einzige ist, was zählt. Und so hatte ich am Ende der Ausbildung sogar eine gute Abschlussnote, aber als ich meinen Kollegen verkündet hatte, dass ich nach der Ausbildung wieder studieren möchte, haben die Sticheleien am Arbeitsplatz rasant zugenommen. Ja, sowas gibt es leider immer noch.

Nach dieser weiteren Hölle stand für mich fest, ich muss mich bewegen. Muss weiter kommen in meinem Leben. Ich konnte jahrelang keinen Fuß mehr in eine Bank setzen. Es erinnerte mich stets an meine schlaflosen Nächte, die schier unendlichen Arbeitstage und die vielen Krankschreibungen, ohne welche ich es nicht durchgehalten hätte. Das war für mich Motivation genug, dass ich ein weiteres Studium begonnen habe. Egal wie schwer es werden würde, das war meine einzige Chance und ich biss die Zähne zusammen in der schlimmsten Erwartung.

Doch das Bachelorstudium war gar nicht so schlimm. Es war hart, aber nicht schlimm. Ich lernte, machte Pläne, lernte weiter. Semester für Semester. Am Ende haben etwa 25% abgeschlossen. Die anderen sind auf der Strecke geblieben. Und es machte mich unglaublich stolz als Frau in einem technischen Studiengang durchgehalten zu haben. Vor allem gut abgeschlossen zu haben. Und überhaupt ist Deutsch nicht mal meine Muttersprache, warum auch immer das regelmäßig eine Rolle gespielt hat.

Mit der Bachelorurkunde im Arm kam auch schon das erste geplante Kind und es folgte – das ist mein Ernst – das nächste Studium. Ich war so in Fahrt, dass ich den Master auch noch mitgenommen habe. Am Ende des zweiten Studiums kam auch das zweite geplante Kind. Einige werden es vielleicht nicht glauben, aber der kleine Altersunterschied der beiden Kinder war uns wichtig, damit die beiden einander haben, wenn sonst niemand da sein konnte. Natürlich ist es für uns nicht ganz einfach, wenn beide gleichzeitig ihren eigenen Willen in der Autonomiephase entdecken. Aber umso schöner ist es dann, wenn sie zusammen spielen. Sie haben sich gegenseitig durch den Lockdown begleitet und viel von einander gelernt, als alles geschlossen und verboten war.

So offen habe mein Leben noch nie in der Öffentlichkeit präsentiert. Aber das alles ist der Grund, warum ich ein bisschen anders als alle anderen und auch ein bisschen verrückt bin. Warum ich sensibel und zugleich impulsiv bin. Und warum ich eine Idealvorstellung habe: Jeder ist seines Glückes Schmied. Oder: Jeder so, wie er mag. Oder: Live and let live. Ich will für meine Kinder, dass sie glücklich werden, schließlich haben wir alle nur dieses eine Leben. Unabhängig von Geschlecht, Alter, Sexualität, Herkunft, Hautfarbe oder was auch immer. Die Gesellschaft stört sich an so vielen Kleinigkeiten. Nur weil jemand anders ist oder von der Norm abweicht, wird er als Bedrohung wahrgenommen. Aber sind es nicht gerade die Menschen, die ein bisschen eigen sind, etwas Besonderes an sich haben, diejenigen, die wir am meisten verehren? Ist nicht das Unbekannte, dasjenige, welches unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht? Warum haben dann alle Angst davor, wenn es zu Nahe kommt?

Und zugleich frage ich mich, warum hängen wir uns heutzutage an solchen Banalitäten wie Maskenpflicht auf? Warum nörgeln wir ständig herum und sind mit nichts zufrieden? Und gleichzeitig nehmen wir uns irgendwelche Sonderrechte gegenüber der Gemeinschaft raus oder vegetieren in völliger Gleichgültigkeit mit dem Smartphone in der Hand vor uns hin. Ich frage mich, welche Werte wir unseren Kindern so weitergeben können.

Darüber muss ich auch ziemlich oft nachdenken. Das Streben nach einem Ideal und das Verfolgen vieler kleiner Ziele im Leben haben mich hierhin gebracht. Von einem Mädchen mit zwei Spielsachen bin ich zu einer verheirateten Mutter mit zwei Kindern und einem Traumhaus geworden. Ich habe nicht lockergelassen, als es hieß, Mädchen machen sowas nicht. Ich habe mich nicht abschrecken lassen, als es hieß, ich passe zu einer Gruppe nicht dazu. Ich habe nicht aufgehört zu träumen, als ich am Boden lag und keiner helfen wollte oder konnte. Ich habe eigentlich nie still gesessen, sondern immer neue Ideen ausprobiert. Denn hier, in Deutschland, wächst das Geld zwar nicht auf den Bäumen, aber man wird durchaus für seinen Einsatz belohnt. Hier hat man die Chance sich zu beweisen. Man muss es nur wollen.

Es haben sich in den letzten Monaten einige Vorfälle im Neubaugebiet ergeben. Viele (ältere) Bürger fahren häufig an den neuen Häusern vorbei, weil sie ihr Grün zum Häckselhof am Ende der Feldwege bringen. Und eigentlich dürfen sie das nicht, weil nur landwirtschaftlicher Verkehr gestattet ist. Bei der Bitte, einen anderen Weg zu nehmen oder zumindest Rücksicht auf die Kinder zu nehmen, wurden die Herrschaften ungehalten. Wir mögen doch unseren „Knaben an die Leine nehmen“. Ist das zu fassen? Wer sagt denn heutzutage noch „Knabe“?! Die ältere Generation verlangt, dass wir, die Jüngeren, uns fügen und die Klappe halten und unsere Kinder dazu erziehen, nicht mehr auf der Straße zu spielen. Welche Ironie, dass belächelt wird, die Kinder von heute würden nichts mehr taugen, sich für nichts einsetzten und nicht mal mehr auf der Straße spielen.

Und das, genau DAS, ist mein Problem mit der Gesellschaft. Warum hat nicht jeder das gleiche Recht auf Respekt? Warum werden immer noch so viele Unterscheidungen gemacht? Warum dürfen – und wollen sich unsere Kinder irgendwann dann – nicht ausprobieren und ausleben? Warum stecken wir alle in irgendwelche Nischen und Schubladen und fügen uns dann? Da mache ich nicht mit. Das ist nicht das, was ich meinen Kinder beibringen möchte.

Und deswegen steige ich wieder aufs Dach, wenn die alteingesessenen Bürger der Gemeinde der Meinung sind, sie hätten ein Vorrecht durch das Neubaugebiet zu rasen, obwohl kleine Kinder gefährdet werden. Ich werde mich nicht davon abschrecken lassen, wenn ich zu hören bekomme, ich „sei nicht von hier“ und ich solle „aufpassen“. Nur weil ich jünger bin? Nur weil ich eine Frau bin? Oder gar nur weil ich nicht hier geboren bin? Das Streben nach Glück ist unmittelbar an den gegenseitigen Respekt geknüpft. Und so erwarte ich, dass auch die ältere Generation uns mit Respekt begegnet und uns glücklich sein lässt. Aus diesem Grund werde ich mich an die Gemeinde wenden und sie dazu auffordern aktiv zu werden und vielleicht auch ein bisschen den Amtsvorsitzenden aufs Dach steigen. Mir schwebt eine Spielstraße vor. Oder zumindest ein Blitzer. Oder Bodenschwellen? Wenn sich etwas Neues ergibt, werde ich berichten. Bis dahin, mit viel Respekt ✌️